Foto: House of Elegance bei der imm cologne

Der Spiegel als Symbol ist durchaus ambivalent besetzt: Einerseits steht er für Eitelkeit, Narzissmus und Selbstbezogenheit, auf der anderen Seite für Selbsterkenntnis, Weisheit und Voraussicht. Er hat eben zwei Seiten, der Spiegel, und natürlich interessiert er uns in seiner Rolle als Reflektor unserer selbst.

In der Wohnung war er bislang meist den Räumlichkeiten des Badezimmers, des Flurs und eventuell noch des Schlafzimmers vorbehalten. Jetzt erobert er auch die repräsentativen Räume des Wohnzimmers – und das nicht etwa dezent, sondern in prädestinierter Position über der Couch, dem Esstisch, der Kommode. Bisher hingen dort traditionell Familienportraits – oder der Fernseher. Fotos der Familie – falls es denn eine gibt, die man zeigen möchte – präsentieren wir auf dem Smartphone, das TV-Programm – falls man es denn überhaupt sehen möchte – streamen wir übers Tablet. Der Platz an der Wand bietet nun die Möglichkeit zur permanenten Selbstbespiegelung.

Und genau das ist so charakteristisch für unsere Zeit der zunehmenden Individualisierung: Statt anderer zeigen wir uns selbst, wir blicken nicht in die Räume fremder Menschen, sondern in unsere eigenen.Und das gleich aus den verschiedensten Perspektiven, denn meist hängt nicht nur ein Spiegel an der Wand, sondern eine ganze Armada, gerne auch konkav oder konvex. Dazu kommen spiegelnde Möbel, vom Couchtisch bis hin zur Kommode. Von allen Seiten können wir uns in unserem persönlichen Spiegelkabinett betrachten und werden für das nächste Selfie optimal ins rechte Licht gerückt.

Der praktische Nebeneffekt der omnipräsenten Spiegel ist keinesfalls neu – das berühmteste Beispiel ist der Spiegelsaal von Versailles – doch jetzt können sich auch alle, die keine Zimmerfluchten und Schlossflügel bewohnen, über ein Mehr an Licht und ein großzügigeres Raumgefühl freuen.

 

 

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